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MeKo Tandems
ein Projekt für die stationäre Jugendhilfe

Das Projekt

MeKo Tandems ist ein Projekt für die stationäre Jugendhilfe. Das Pilotprojekt befindet sich aktuell in der Auswertungsphase. Nach der Auswertung erscheint an dieser Stelle eine ausführliche Projektbeschreibung.

Ein Zwischenbericht

In der Zeitschrift KJuG 1|2021 der BAJ erschien zur Hälfte der Projektlaufzeit ein Zwischenbericht:

Medienthemen (~-nutzung, ~-inhalte, ~geräte, Kosten, Kontakte u.v.a.m.) sind in Wohngruppen der stationären Jugendhilfe alltägliches Thema. Die Fachkräfte in der Jugendhilfe benennen für sich dabei häufig einen Rückstand im Wissen zu diesen Themen und schreiben statt dessen den Jugendlichen einen Vorsprung zu. Durch die Forderungen zur Bereitstellung von WLAN in den Wohngruppen gewinnt das Thema Medien eine zusätzliche Präsenz.

Für die Träger und Mitarbeiter:innen sind intensive Fortbildungen große Herausforderungen für die Dienstpläne, insbesondere bei kleinen Trägern mit teils nur einer Wohngruppe. Die hohe Fluktuation unter den Fachkräften stellt für die Wohngruppen zudem die Nachhaltigkeit einer solchen Maßnahme in Frage.

Hinzu kommt, dass für die alltägliche Arbeit diejenigen Medien entscheidend sind, die von den Kindern und Jugendlichen aktiv genutzt werden. Beispiele aus Fortbildungen sind für die Fachkräfte nicht immer leicht übertragbar, die Vielfalt ist groß und mittelfristig sind immer wieder neue Entwicklungen zu erwarten. Dies gilt ebenso für Medien, die durch die Träger zur Verfügung gestellt werden können, manche kreative Idee scheitert an Datenschutzfragen. 

Die alltägliche Situation in der Wohngruppe ist kaum dahingehend angelegt, Kinder und Jugendliche vorrangig durch Vermittlung von Wissen zur Mediennutzung zu befähigen, viel Zeit zum „Erklären“ ist nicht. Statt dessen sind Situationen wie positive gemeinsame mediale Gruppenerlebnisse z.B. beim herumzeigen eines Youtube-Videos aber auch die Aushandlung erlaubter konsumierter Inhalte oder Nutzungszeiten häufig. Andere Situationen können das Auffangen problematischer Inhalte oder Kontakte durch Gespräche sein. Manchmal ist es möglich Medienangebote kreativ gemeinsam zu gestalten – aber nur wenn z.B. TikTok nicht generell verboten ist.

In allen genannten Situationen sind Kinder und Jugendliche stark selbst beteiligt.

In dieser Zusammensicht scheint die Befähigung beider Gruppen, der Fachkräfte und der Bewohner:innen sinnvoll.

 

Projektidee

Mit dem Trägerverbund „ErSte Trägergesellschaft für sozialpädagogische Einrichtungen mbH“ wurde für deren Einrichtungen der stationären Jugendhilfe ein Konzept entwickelt, das Tandems aus Bewohner:innen und Fachkräften aus Wohngruppen einlädt sich Medienthemen zu widmen. Diese Idee orientiert sich an der Haltung vieler Fachkräfte in der Jugendhilfe: „um mit Jugendlichen  g e m e i n s a m  medienkompetent arbeiten zu können nehme ich an diesem Projekt teil“ schreibt M.Günther, Erzieher (Hervorhebung vom Autor).

Die Tandems sollen befähigt werden einen Gesprächsraum für Themen der Mediennutzung in ihren Wohngruppen zu erzeugen. Fachkräfte und Jugendliche sollen je in ihrer Rolle in die Lage versetzt werden Gespräche zu initiieren, zu führen und die Themen im Sinne der Bewohner:innen zu bearbeiten. So soll auf Medien bezogenes erzieherisches Handeln unter Wahrnehmung der Bedürfnisse der Bewohner:innen möglich werden. Die Tandems stützen sich dabei gegenseitig mit den unterschiedlichen Perspektiven und ergänzen sich mit unterschiedlichem Hintergrundwissen zu den Themen. 

Innerhalb des Schuljahres 20/21 wurde eine Veranstaltungsreihe aus vier je ganztägigen und vier je dreistündigen Onlineveranstaltungen geplant, die alternierend stattfinden.

An den ganztägigen Veranstaltungen, die zunächst als Präsenzveranstaltungen vorgesehen waren, nehmen je eine Fachkraft und ein:e Bewohner:in einzelner Wohngruppen teil.

In den Onlineveranstaltungen werden allein mit den Fachkräften offene Fragen geklärt, Themen vertieft und mögliche Ideen für Gespräche oder Aktionen in Gruppen besprochen. Je eine Online- und Präsenzveranstaltung bilden einen thematischen Block. Moderiert und inhaltlich unterfüttert werden alle Veranstaltungen von der AKJS.

Die Themen wurden vorab durch eine Umfrage ermittelt, die getrennt nach Fachkräften und Jugendlichen durchgeführt wurde. Die Umfrageteilnehmer:innen wurden nach Themen (Mobbing, Fake News o.ä.) und Medien (TikTok, Fortnite usw.) befragt, die in den Wohngruppen eine Rolle spielen. Vertiefend differenziert wurde danach, was die Befragten selbst wichtig finden und was sie für ihre Wohngruppe für wichtig halten. Geantwortet haben 22 Fachkräfte und 61 Jugendliche.

Für die meisten Themen wurde zwischen den beiden Gruppen eine ähnlich hohe Bedeutung angegeben – dem Thema „Zu viel Zeit…“ maßen die Fachkräfte allerdings eine erheblich höhere Bedeutung bei als die Jugendlichen. 

Aus dieser Umfrage wurden dann nach der Höhe der Werte: „Cybermobbing“, „Hass und Fake im Netz“, „Gamen und suchten“ und „Körperbilder“ als Themen für die Veranstaltungsblöcke zusammengefasst.

Begonnen wurde dann im Oktober 2020 – also unter Pandemiebedingungen – mit dem Thema „Cybermobbing“. Um Austausch und Vernetzung zu initiieren wurde die gemeinsame Veranstaltung mit Fachkräften und Jugendlichen im Oktober in Präsenz durchgeführt. Hierzu stand ein genügend großer Raum zur Verfügung, in dem sich mit entsprechendem Abstand aufgehalten werden konnte. Zugleich forderte die Pandemie damit einen relativ bewegungsarmen Verlauf, was einen deutlichen Einfluss auf die Dynamik der Veranstaltung hatte: die Tandems saßen je unter sich an einzelnen Tischen und die Veranstaltung gewann eher einen schulischen Charakter.

Nach dem Einsetzen der erweiterten Maßnahmen gegen die Pandemie im November 2020 fand die zweite gemeinsame Veranstaltung zum Thema „Hass und Fake“ online statt. Eine Vernetzung der Gruppen untereinander konnte so durch die Veranstaltung selbst wenig gefördert werden, die Jugendlichen brachten sich jedoch wesentlich stärker ein, als in der ersten Veranstaltung.

Die gesellschaftlichen Diskussionen rund um die Pandemie führten zugleich dazu, dass das Thema „Verschwörungserzählungen“ Eingang in die Veranstaltung fand. Während das Thema in der Umfrage im Frühjahr weder im Fragebogen abgefragt noch von den Befragten in Freitextfeldern aufgebracht wurde war nun allen deutlich, dass dies ein wichtiges gesellschaftliches Problem ist, was sich z.B. in problematischen Memes auch in den Messengern und Timelines der Jugendlichen ebenso wiederfindet wie im Bekanntenkreis der Fachkräfte. Vermutlich auch deshalb fiel es niemandem schwer „dranzubleiben“, auch wenn die Onlineveranstaltung mehr als vier Stunden dauerte.

Erste Ergebnisse

Darin, dass sich alle vom Thema betroffen sahen, spiegelt sich eine wichtige Idee der Tandemveranstaltungen: beide Perspektiven, die der Kinder und Jugendlichen sowie die der Fachkräfte auf die ausgewählten Themen sind wichtig! Deshalb werden die Kinder und Jugendlichen in den Veranstaltungen stark eingebunden.

Neben den Sachinhalten sollen den Fachkräften das Erleben, die Sichtweisen und die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen rund um das jeweilige Medienhandeln verständlich werden.
Am Beispiel „Hass und Fake“: Wie stark sind die Heranwachsenden dem Thema ausgesetzt? Wie gehen sie mit o.g. Memes um? Tun sie was dagegen? Warum? Warum nicht? Wie reflektieren sie ihr eigenes Handeln? Wie würden sie gern Handeln? Und: welche Unterstützung können sie dabei brauchen? Welche wünschen sie sich?

Dass hier Bedarf besteht beschreiben auch die Jugendlichen selbst. So schreibt Jasmin als Motivation auf die Frage: Was versprichst du dir vom Projekt für dich? „Besser aufgeklärt zu sein was social media alles für Gefahren hat.“ Wie schon in der Umfrage wird auch hier das hohe Problembewusstsein der Jugendlichen deutlich.

Die Fachkräfte sind aufgefordert anhand der Themen Ihre Perspektive zu entwickeln und darzustellen – einschließlich von Problematisierungen! Die Situation des Projektes und das Problembewusstsein der Jugendlichen ermöglicht auch für die Sicht auf die Probleme des Medienhandelns einen Rahmen, in dem diese abgewogen werden können – ohne dass es sofort in Verhandlungen um „Erlauben oder Verbieten“ münden muss. Statt dessen können die Tandems mit ihrer multiperspektivischen Sicht vielfältige Ideen für den Umgang mit dem jeweiligen Thema in den Wohngruppen entwickeln, die bestenfalls präventiv umgesetzt werden können, bevor Probleme entstanden sind.

Ein gemeinsamer Austausch in der Großgruppe mit anderen Tandems bietet für die Alltagssituationen in den Wohngruppen zudem die Möglichkeit, das eigene Handlungsrepertoire durch die Erfahrungen der Anderen anzureichern. Die notwendige pädagogische Vertiefung erhalten die Fachkräfte in den Onlineveranstaltungen. Die Freiwilligkeit der Teilnahme für die Jugendlichen verspricht zudem eine hohe Motivation zur Erarbeitung der Inhalte, Identifikation mit dem Erarbeiteten und ist zugleich ein Beitrag zur Verselbständigung im Sinne des Auftrages der stationären Jugendhilfe.

Aufgrund der anfangs beschriebenen Fluktuation in den Wohngruppen ist das Angebot so gestaltet, dass es keine dauerhafte Teilnahme erzwingt, obwohl eine stetige Teilnahme der einzelnen Personen insbesondere für die Netzwerkbildung wünschenswert scheint. Statt dessen sollte durch die Großgruppentreffen der Tandems eine Situation geschaffen werden, an der die Teilnahme motivierend erscheint. Es sollte auf Raum für persönliche Kontakte geachtet werden, durch die ein Vertrauensverhältnis zwischen den Teilnehmenden entstehen kann, um eine niedrige Schwelle für gegenseitigen Austausch – möglichst auch außerhalb der Präsenz – zu erreichen. Unter den beschrieben Bedingungen der Pandemie war dies bisher schwierig einzulösen. Die trotz allem aktuelle hohe Motivation der Teilnehmenden macht jedoch Hoffnung, dass diese Ideen im Folgenden trotz Pandemie erreicht werden können. Die Hoffnung auf die Möglichkeit von Treffen im späteren Frühjahr 2021 gehört ebenso dazu.

Als ergänzende Möglichkeit für fortlaufende digitale Arbeit wurde durch den Trägerverbund eine gemeinsame Cloud aufgesetzt, in die Protokolle der Veranstaltungen, Linklisten zu den Themen und möglichst in Zukunft auch Ideen für die Arbeit in den Wohngruppen ausgetauscht und zukünftig ergänzt werden können.

Perspektiven

In den folgenden zwei Schuljahren sollen die Präsenzveranstaltungen noch halbjährig stattfinden. Ziel ist, dass alle Beteiligten als Netzwerk für Bewohner:innen und Fachkräfte der Gruppen wirken können, in dem zukünftige Medienprobleme bzw. -phänomene mit Rat und Hilfe aufgefangen werden können. Sowohl für den konkreten Medienumgang der Heranwachsenden wie auch für erzieherische Fragen zum Umgang mit Medien.

Eine steigende Sicherheit aller Wohngruppenbewohner:innen und -mitarbeiter:innen im Umgang mit Medien ermöglicht so hoffentlich zugleich eine souveränere Mediennutzung im kreativen, produktiven, informativen oder sozialen Sinne. Günstigenfalls kann z.B. der Aushandlungsprozess zur Mediennutzung mit den Heranwachsenden so gestaltet werden, dass vermieden werden kann durch eine zwar risikomindernde aber dadurch potentiell restriktive Haltung der Pädagog:innen weitere Nachteile gegenüber andern Jugendlichen zu erzeugen. Die Wohngruppenbewohner:innen finden statt dessen in beiden Mitgliedern der Tandems Ansprechpartner:innen zu Medienthemen, die Information und Sicherheit bieten können.

Der Bedarf der Unterstützung für die Tandems durch die AKJS wird dabei fortlaufend ermittelt und im Bedarfsfalle gedeckt.

Für die AKJS ist dieser Durchlauf ein Modellprojekt. Ziel ist es dieses Projekt nach der Auswertung weiteren Trägern anbieten zu können.

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Unser Ziel

Unsere Präventionsarbeit zielt darauf, Nutzungsweisen zu fördern, in denen Jugendliche mit Spaß ihren Bedürfnissen und Ideen nachgehen können, ohne schädliche Nebenwirkungen bei sich oder anderen zu bewirken.

Angebote

Tagesveranstaltungen zu 

  • Jugendliche Mediennutzung
  • Sexting
  • Jugendmedienschutz
  • Cybermobbing

Beratungsangebot für Eltern und pädagogische Fachkräfte

Fortbildungen 

Weitere Arbeitsfelder: