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Interview zum Beitrag „Der Weg zur inneren Stabilität bei Kindern und Jugendlichen“ mit Kerstin Müller-Belau

Woran erkennen Fachkräfte in KiTa, Schule bzw. Jugendarbeit besonders verletzliche Kinder und Jugendliche?

Die Frage ist gar nicht, woran man Kinder erkennt, die besonders verletzlich sind… Die Frage ist doch, wie begegnen wir all den uns anvertrauten Kindern, im Wissen darum, dass Entwicklung immer stabilisierende Faktoren benötigt. Kinder und Jugendliche zeigen ihre Verletztheit auf ganz unterschiedliche Weisen. Die einen ziehen sich zurück, die anderen zeigen herausforderndes Verhalten. Einige sind selbstverletzend, andere wiederum spielen den Kasper. Von Provokation über Aggression bis hin zu Dissoziation, alle Verhaltensweisen können eine Botschaft sein, dass Kinder vulnerabel sind und Stabilität benötigen.

Um Resilienz zu fördern, empfehlen Sie eine „ressourcenorientierte Wahrnehmung“ der Kinder, aber auch der Eltern. Wie kann in Elterngesprächen diese Botschaft gelingen?

Eltern benötigen erstmal das Gefühl, dass sie nicht die Alleinverantwortung für die Entwicklung ihres Kindes tragen. Viele Faktoren spielen eine Rolle in der Entwicklung von Schutzfaktoren und Widerstandskräften: Schwangerschaft, Geburtserfahrungen, Persönlichkeit, Gesundheit, Stabilität der Eltern, soziales Umfeld, Bildungseinrichtungen …… Sich mit Eltern auf einer Ebene der Gleichwürdigkeit zu begegnen… Fehlerfreundlichkeit, Ressourcenorientierung, Selbstwirksamkeit zu benennen – all dies sind Botschaften, die Fachkräfte „schenken“ können, damit Eltern nicht das Gefühl bekommen ohn-mächtig oder schuld zu sein. Kinder und Jugendlich verbringen aktuell mehr Zeit in Betreuungseinrichtungen oder Schulen als in ihrem häuslichen Umfeld. Daher sollten wir Fachkräfte achtsam und vorsichtig sein mit Zuschreibungen und Abwertungen. Worte können sehr viel bewegen: Widerstand oder Zusammenarbeit – Zuversicht oder Aussichtslosigkeit.

Interesse, Empathie und Wertschätzung sind notwendige Grundhaltungen, um Veränderungsprozesse anzuregen. Kinder und Jugendliche verhalten sich in unseren Kontexten manchmal anders als in ihrem häuslichen Umfeld. Wenn die Arbeitsbelastung sehr hoch oder die seelische Verfassung der Eltern sehr fragil ist, können Kinder von ihren Eltern manchmal gar nicht umfänglich wahrgenommen werden. Daher sollten wir gemeinsam schauen, was wir zur Verfügung stellen können, damit dem Kind/dem Jugendlichen stabilisierende Faktoren in den Lebensrucksack gelegt werden können.

Was kann Schule konkret anbieten, um Selbstwirksamkeitserfahrungen zu vermitteln?

Ich denke, dass Schule gänzlich anders gedacht werden muss. Die Stabilisierung der Lehrenden und Pädagogen ist hier als wichtiger Faktor zu sehen. Eine bessere personelle Ausstattung, die Möglichkeit individuelle Lernzugänge zu ermöglichen und Rückzugsorte zu gewährleisten, all das wäre notwendig. Interdisziplinäre Teams würden die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ganzheitlich betrachten können. Dass das noch nicht in den Köpfen von Politik und Gesellschaft verankert ist, wissen leider wir alle. Meiner Meinung nach braucht es auf alle Fälle eine Umkehr unseres Denkens: Nicht der junge Mensch allein trägt die Verantwortung zur Veränderung, sondern es geht nur gemeinsam. Je jünger Kinder sind, desto mehr müssen wir uns die Frage stellen: Wie können wir hilfreich sein? Was können wir tun? Was kann die Widerstandskraft aller Beteiligten stabilisieren? Wie können Schutzfaktoren wie Optimismus und Selbstwirksamkeit in uns implementiert werden? Hier kommt die Neurobiologie ins Spiel. Unser Gehirn macht manchmal nur das, was wir ihm mitteilen. Ich habe also auch einen gewissen Einfluss darauf, wie ich etwas empfinde und wie belastend etwas für mich ist. Eine effektive Art, Resilienz zu stärken und Optimismus zu trainieren ist das Reframing. Diese Technik stammt aus der Ericksonschen Hypnotherapie und bedeutet auf Deutsch „Neurahmung“. Hierbei geht es um einen Perspektivwechsel, um Beschreibung, Beziehungen und Bewertungen zu verändern. Denn: Wie wir Dinge benennen hat großen Einfluss auf deren Bewertung. Wenn man es schafft, diese neue Deutung authentisch in sich tragen, kann dies schon für eine Veränderung im Denken und Empfinden sorgen und die Beziehung zum Kind, zu den Eltern maßgeblich positiv beeinflussen.

Sehr nützlich ist auch das „Priming“ – ein Phänomen aus der Hirnforschung und der Gedächtnispsychologie. So kann man zum Beispiel eine Begegnung “primen“, indem man mit dem Kind über einen gelungenen Moment/Erfolg von früher nachdenkt und die dort gezeigten Verhalten/Strategien beschreibt. Diese Erinnerung an Wirksamkeit und „Schaffen“skraft kann helfen optimistisch und zuversichtlich zu sein. Ein Satz, der mich aus der Resilienzforschung sehr begleitet und mich immer wieder hoffnungsfroh macht, ist: „Ein Mensch kann den Unterschied machen!“. Feinfühligkeit und Achtsamkeit sind daher wesentliche Faktoren, Kindern und Jugendlichen das Gefühl der Wirksamkeit aus ihrem Selbst heraus, zu ermöglichen. Das Grundvertrauen in die Welt, dass ich es wert bin, dass ein Mensch sich für mich und mein Befinden interessiert und sich um mich und meine Bedürfnisse sorgt, ist ein wichtiger Faktor in der Entwicklung seelischer Gesundheit.  Und auch wir Fachkräfte müssen von der Bedeutsamkeit der eigenen Tätigkeit überzeugt sein und an die eigenen Fähigkeiten glauben. Wenn wir von einem „Guten Grund“ und „Einer positiven Absicht“ im Verhalten von Kindern und Jugendlichen ausgehen, wenn wir herausforderndes oder destruktives Verhalten nicht persönlich nehmen, können wir unsere Begegnungen von Feindseligkeit in wirkliche Freundlichkeit umkehren. Wir können also wirksam sein und somit Wirksamkeit erleben lassen, in der Anerkennung unterschiedlicher Botschaften. „Ich sehe, dass Du etwas brauchst und trotzdem nehme ich nicht alles hin. Ich versuche zu helfen, dass es Dir besser geht…“ ist eine Kernaussage, die die Bedeutung von Pädagogik wirksam werden lässt.

Zur Autorin­

Kerstin Müller-Belau, Dipl.-Sozialpädagogin, Psycho-Therapeutische Kindertherapeutin™, Ressourcenfokussierte Elternberaterin™, ist Bildungsreferentin und Dozentin der Pädagogik für Fort- und Weiterbildungen in der Freien Kinder- und Jugendhilfe (Krippe, KiTa, Hort, GBS).

Sie wirkte auf unserem Fachtag „Umgang mit der Krise“ am 26.08.2021 zum Thema Resilienzförderung für Kinder und Jugendliche mit.

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Der Weg zur inneren Stabilität bei Kindern und Jugendlichen.

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